Experimente statt Ziele setzen: 24x1h Digital Ausmisten – ein Selbstversuch

Du hast keine Lust mehr, dir immer wieder Ziele zu setzen und sie doch nicht zu erreichen? Dann versuche es mit kleinen Experimenten, um Vorhaben auszuprobieren, so wie ich in meinem Selbstversuch mitten im hektischen Advent.

Iris ist beim Ziele setzen vor dem Bildschirm

Experimente statt Ziele setzen

Ich kenne so viele Menschen – mich eingeschlossen – die sich schon mehrmals bestimmte Ziele gesetzt haben, nur um sie dann noch nicht zu erreichen. Vielleicht waren die Ziele zu groß, zu unspezifisch oder der Alltag ist einfach dazwischengekommen. Ich glaube allerdings es ist noch mehr dahinter, warum Ziele nur selten funktionieren. Wenn es dir auch so geht, bist du also ganz normal und nicht etwa zu wenig diszipliniert oder willensstark wie manche einem einreden möchten.

Nun ist es nicht so, dass ich finde, dass wir ziel- und richtungslos durch unser Leben navigieren sollen, denn das führt meiner Erfahrung dazu, dass wir in verschiedenste Richtungen rennen oder auch stehen bleiben, aber auch nicht wirklich weiterkommen. Eine schöne Alternative zu klassischen Zielen sind Alltagsexperimente.

Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema Alltagsexperimente und habe auch immer wieder welche gestartet. Ich war dementsprechend hocherfreut als ich dieses Jahr ein Buch entdeckt habe, dass genau dieses Thema wissenschaftlich aufgreift und diesem Fall sogar neurowissenschaftlich. Es handelt sich um das Buch “Tiny Experiments: how wo Live Freely in a Goal-Obsessed World.” der Neurowissenschaftlerin und Ness Labs Gründern Anne-Laure Le Cunff.

Tiny Experiments von Anne-Laure Le Cunff

Le Cunff argumentiert in dem Buch, dass viele klassische Ziel- und Erfolgsmodelle, wie etwa langfristige Karrierepläne oder feste Zielvorgaben, uns in ein lineares Denken zwängen. Sich konkrete Ziele zu setzen, bedeutet auch, dass wir bereits genau wissen, wo unser Weg hingehen soll. Stattdessen plädiert sie dafür, das Leben wie ein Labor zu betrachten: mit Neugier, Experimentierfreude und der Bereitschaft, Dinge auszuprobieren, ohne bereits fix und fertig wissen zu müssen, wo der Weg endet. Le Cunff schlägt vor, große, oft überwältigende Ziele durch kleine, überschaubare Experimente zu ersetzen.

Diese haben folgende Merkmale:

  • Kleine, unverbindliche Tests statt großer Versprechen. Beispiel: Statt „Ich werde ein Buch schreiben“ lieber: „Ich schreibe jeden Wochentag 30 Minuten lang für 10 Wochen.“
  • Feste, überschaubare Zeitrahmen: ein Experiment mit klar definierter Dauer (z. B. zwei, vier oder acht Wochen), danach reflektieren und entscheiden, wie es weitergeht.
  • Reflexion statt Bewertung: Nach Ablauf des Experiment fragt man sich: Was hat funktioniert? Was war schwer? Was nehme ich mit? Daraus ergibt sich, ob man weitermacht, anpasst oder abbricht.
  • Erlaubnis zu Unvollkommenheit: Der Fokus liegt nicht auf perfekten Ergebnissen, sondern auf Erkenntnissen und Lernen.

Dieses Vorgehen reduziert den Druck, der mit großen Zielen einhergeht, und senkt die Hemmschwelle, etwas Neues zu wagen. Es ist ein Vorgehen, das mich schon lange im Leben begleitet und sich als sehr hilfreich erwiesen hat.

Damit ein solches Experiment auch in die Tat umgesetzt wird, schließt man einen Pakt mit sich selbst in der Form: “Ich werde [Handlung] für [Zeitdauer].” Das ist auch viel einfacher als Ziele richtig zu formulieren bzw. zu setzen.

Es geht einfach um eine wiederholbare Aktivität, die einen näher zu wichtigen Vorhaben bringt, unabhängig von dem jeweiligen Ergebnis eines einzelnen Versuchs.

Mein Advent-Experiment: 24x1h Digital Ausmisten und sich entlasten

Mein Vorhaben oder Tiny Experiment

Ich werde mich mit meiner digitalen Ordnung beschäftigen für 24 Tage jeweils 1 Stunde lang. Ich schenke mir also einen ganzen Tag im oft hektischen Advent, um weg von der digitalen Überlastung hin zur Entlastung zu kommen. Dahinter steht mein Wunsch, die zunehmend unübersichtliche Vielfalt an digitalen Daten (E-Mails, Newsletter, Dokumente, Apps, Programme, digitale Notizen,…) in meinem Leben in eine sinnvolle Struktur zu bringen und zu reduzieren.

Ich schreibe bewusst beschäftigen, weil ich mir auch Zeit nehme möchte, neue Lösungen für wiederkehrende Probleme zu finden wie beispielsweise die Organisation der wissenschaftlichen Quellen, die ich nutze, oder mein aus dem Ruder gelaufenes Notion wieder einzufangen oder einfach mein Email-Postfach aufzuräumen oder vielleicht endlich meinen Passwortmanager aktuell zu halten? Oder einfach Zeit zu überlegen, welche Struktur Sinn machen könnte oder was ich ändern will.

Ich bin gespannt, was passieren wird , wenn ich mir ganz bewusst in Summe einen ganzen Tag Zeit für dieses Thema nehme. Ich habe dieses Jahr schon das eine oder andere Mal versucht, etwas in diesem Bereich zu machen, bin auch ein wenig vorangekommen, aber wie bei so vielen, was wir starten, kam der Alltag dazwischen.

Und das schöne ist, durch diese Art das Thema anzugehen, verpflichte ich mich nicht ab sofort für immer regelmäßig Zeit dafür aufzuwenden, sondern ich kann testen, was passiert, wenn ich mich einmal länger als 5 Stunden mit diesem Thema beschäftige, aber ohne ein konkretes Ergebnis schaffen zu müssen.

Ich möchte wirklich dran bleiben, denn ich merke, dass ich mich digital überlastet fühle und daher kannst du hier nachlesen, was ich die nächsten 24 Tage in dieser Stunde mache und ob es mir überhaupt gelingt, die Stunde täglich durchzuführen.

Mein öffentliches Protokoll der Ergebnisse

Hier werde ich in den nächsten 24 Tagen dokumentieren, wie mein Experiment läuft. Ich freue mich, wenn du immer wieder reinschaust. Bis 25.12 wird der Bericht hier vollständig sein.

Tag 1: Der Start war holprig, denn der Arbeitstag war anstrengend und danach habe ich noch Adventbesorgungen erledigt.
Dennoch habe ich es schließlich nach dem Abendessen geschafft mir Zeit zu nehmen. Ich habe ich 130 E-Mails aussortiert und endlich eine Videoaufzeichnung angesehen, wegen der ich ein bestimmtes Mail aufbewahrt habe. Und ich habe überlegt, ob ich für solche temporären Inhalte ein anderes System finde, als E-Mails aufbewahren. 🤔🤓 

Tag 2: Heute habe ich die Zeit aufgeteilt: 30 Minuten morgens vor der Arbeit und 30 Minuten unterwegs.
Morgens habe ich meine Blogkategorien aussortiert und eine neue Struktur gefunden 😊. So etwas gelingt übrigens bei vielen Menschen morgens besonders gut, weil wir da – je nach Chronotyp zu einer etwas anderen Zeit – besonders kreativ sind.

Am Heimweg von der Arbeit habe ich dann 30 Minuten damit verbracht zu überlegen, welche Newsletter ich weiter bekommen möchte und mich von etlichen abgemeldet. Erste Erkenntnis: Die Aufteilung in 2 halbe Stunden, ist sehr praktisch.

Tag 3: Dritter Tag und schon die Stunde nicht geschafft. Ich habe schlecht geschlafen, war den ganzen Tag müde und habe mich abends etwas krank gefühlt. Ich habe am Heimweg 15 Minuten E-Mails aussortiert (das ist offenbar mein Fallback, wenn mir sonst nichts einfällt 😄), mich dann aber zuhause ausgerastet. Die übrigen 45 Minuten hole ich am Wochenende nach. Nicht weil ich muss, sondern weil ich einfach wissen will, was passiert, wenn ich wirklich die 24h für das Experiment einsetze.

Tag 4: Am vierten Tag habe ich 15 Minuten am Morgen investiert, um mein Notion zu analysieren, 15 Minuten E-Mail-Aussortieren am Arbeitsweg (noch immer über 3000 E-Mails 😱) und dann noch 30 Minuten am Weg zu meiner freiwilligen Tätigkeit als Sozialbegleiterin dies und das gemacht: noch ein paar E-Mails, einige Notizen aussortiert, überlegt welche Onlinekurse ich gekauft, aber nicht fertig absolviert habe. 😄

Tag 5: Wieder ein herausfordernder Tag, da ich aktuell sehr viel zu tun habe in meinem Hauptjob. Dennoch habe ich zwei lang aufgeschobene Aufgaben erledigt (Support-Anfrage und eine Recherche), die wichtig sind, um an anderer Stelle weiterzukommen. Ich spüre, dass es mich trotz der Zeit, die ich investiere, entspannt mich mit dem Thema digitales Entrümpeln auseinanderzusetzen. Es erleichtert mich, dass es etwas vorangeht.

Tag 6: Heute habe ich die 45 Minuten von Tag 4 nachgeholt und große Fortschritte gemacht. Ich habe meine Browserfavoriten für die Selbstständigkeit entrümpelt und neu geordnet (Juhu, so viel praktischer!) und habe begonnen Screenshots auszusortieren und dabei einige sehr wichtige Informationen wiedergefunden und diese gleich in einer durchdachten Struktur notiert 🤓.

Tag 7: Die Screenshots sind erledigt und ich habe begonnen Fotos zu sortieren und auch zu löschen (z.B. unscharfe oder doppelte). Es ist viel, aber ich bin richtig im Flow und das digitale Entrümpeln macht gerade Spaß.

Tag 8: Es ging weiter mit den Fotos. Und als Abwechslung habe ich auf meiner Webseite ein paar nicht mehr benötigte Seiten gelöscht.

Die nächsten 2 Tage werden spannend in Bezug auf das Experiment. Ich bin auf Dienstreise mit sehr dichtem Programm. Mal sehen ob ich dennoch meine Stunde pro Tag machen kann (vor allem ohne Internetzugang zwischendurch).

Tag 9: Mein Tag startete um 5:00 Uhr morgens aufgrund meiner Dienstreise. Dank der Reisezeit und den vielen Wartzeiten war es kein Problem noch vor meinem Abflug um 8:00 Uhr meine 1 Stunde digitale Ordnung zu erledigen 😄. Es ging weiter mit meinen E-Mails sowie den Downloads auf meinem Handy.

Tag 10: Dieser Tag war herausfordernder, da ich ziemlich müde von dem dichten Programm war und erst nach 20:00 Uhr wieder Richtung Heimat flog. Diesmal habe ich die Zeit vor allem genutzt, um darüber nachzudenken wie ich in Zukunft kleine Inspirationen aus Newslettern, Artikeln und ähnlichen Quellen am besten dokumentiere, um sie nicht zu vergessen und schnell wiederzufinden. Spoiler: Ich hab noch keine passende Lösung gefunden. Zur Entspannung hab ich zwischendurch ein paar E-Mails gelöscht. 😉

Tag 11: Der Tag nach meiner Dienstreise war so richtig anstrengend, am Abend habe ich einfach nur gerastet. Heute kein digitales Entrümpeln. Das ist in Ordnung, Erholung geht vor. Und ich denke darüber nach, wie realistisch eine Stunde täglich für ein solches Vorhaben neben all den anderen täglichen Tätigkeiten überhaupt ist.  

Tag 12: Diesmal hab ich meine eine Stunde dazu genutzt im Hauptjob meinen Posteingang zu entmisten, Downloads zu entfernen und Notizen zu ordnen. 

Tag 13: Heute waren wieder Fotos dran. Das wird noch dauern, bis ich alles in diesem Bereich geordnet habe. Ich habe die ausgelassene Stunde nachgeholt, da ich ohnehin gerade gut vorangekommen bin und so einen Teilbereich abschließen konnte.

Tag 14: Weiter mit den Fotos. Ich habe mich ehrlich gesagt bei einigen Bildern gewundert, warum ich das überhaupt aufgenommen habe und an die Zeiten gedacht, wo es noch keine digitale Fotografie gab und man immer überlegt hat, ob man überhaupt ein Foto machen soll.

Tag 15: An diesem Tag habe ich wieder auf 2x 30 Minuten aufgeteilt. Diesmal war morgens mein Newslettertool dran, in dem ich Templates aussortiert bzw. neue angelegt habe. Abends am Heimweg einen Onlinekurs weiter absolviert.

Tag 16: Diesmal habe ich die Wegzeiten genutzt, um Apps auf meinem Handy auszusortieren. 

Tag 17: Weihnachtsfeier🎄🎄🎄 und damit heute kein digitales Ausmisten.

Tag 18: Wieder mal Wegzeiten genutzt, um einen Onlinekurs endlich weiterzumachen. Kennst du das auch, du kaufst einen Kurs, beginnst motiviert und dann gerät er irgendwie in Vergessenheit? 😳

Tag 19: Abends war ich richtig im Flow und habe meine Homepage aufgeräumt und endlich eine übersichtliche Seitenstuktur geschaffen (und die ausgefallene Zeit von Mittwoch nachgeholt). Love it! ❤️

Tag 20: Diesen Tag habe ich in der Natur verbracht und eine Wanderung hoch über dem Neben im Sonnenschein genossen und abends nur mehr Mails gelesen und gelöscht.

Tag 21: Es waren wieder Mails dran während einer längeren Autofahrt. Es ist mir ein Rätsel wie ich soooooo viele Mails ansammeln konnte.

Tag 22: Heute habe ich einen Teil meiner Stunde dafür aufgewendet im Hauptjob Bookmarks auszusortieren und wichtige neue Links strukturiert zu speichern. Das wird mir im neuen Jahr Zeit sparen. Die andere Zeit habe genutzt, um am Heimweig eine Podcastfolge zu hören, die schon lange auf meiner Merkliste war.

Tag 23: Ich habe den letzten Arbeitstag für dieses Jahr noch genutzt meinen Posteingang komplett zu leeren sowie Dokumente auszusortieren.

Tag 24: Heute habe ich meine Stunde bewusst ausgelassen, aber ich werde sie noch bis Ende des Monats/Jahres nachholen. Die nächsten 2 Tage ist allerdings totale Entspannung angesagt, also muss der Abschluss noch etwas warten. Ich habe die Stunde am 27.12 nachgeholt.

Fazit

Zusammenfassend war der Dezember sicher nicht der einfachste Monat für dieses Experiment. Nichtsdestotrotz habe ich viel ausprobiert, viel geschafft und einen Entschluss gefasst.

Meine Erkenntnisse:

  • Digitale Ordnung beinhaltet sehr viele Bereiche. Wenn ich das langfristig gut in Griff bekommen möchte, brauche ich eine passende Struktur dafür.
  • 24 auffeinanderfolgende Tage jeweils eine Stunde aufwenden, macht mir im vollen Alltag zuviel Druck 
  • Wegzeiten lassen sich sehr gut für eher monotone Aufgaben nutzen, das nehme ich als Gewohnheit in meinen Alltag auf.
  • Einige der vorgenommenen kleinen Änderungen habe bereits jetzt viel Erleichterung gebracht 

Für das nächste Jahr plane ich daher: Ich werde jedes Monat ein 1 Tag – eine Sache pro Monat-Experiment starten. Die Inhalte werden variieren, aber im Jänner führe ich noch die digitale Ordnung weiter, denn es ist schon so viel passiert, dass ich nicht mittendrin aufhören möchte.

Die Regeln passe ich etwas an, es geht um 24 Stunden im Monat, wie ich diese verteile, bleibt mir überlassen. Es muss also nicht immer eine Stunde an aufeinanderfolgenden Tagen sein.

Meine Experimente kannst du hier im im Blog nachlesen, sobald jeweils ein Monat vorbei ist.

Foto von Iris Klawatsch

Wer schreibt hier?

Hi, ich bin Iris. Ich unterstütze vielbeschäftigte Menschen mit überlangen To-Do-Listen ihren individuellen Weg zu persönlicher Produktivität mit Wohlfühlfaktor zu finden und endlich wieder genug Zeit und Raum für sich zu finden.

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